An den

Regierenden Bürgermeister von Berlin                                                 Dr. Uwe Neumann

Herrn Klaus Wowereit                                                                       Vorsitzender

Rotes Rathaus

10173 Berlin                                                                                                  27.2.2003

 

 

 

 

 

Betr.:  Wildschweinplage (nicht nur) in Eichkamp

 

 

 

 

Sehr geehrter Herr Wowereit,

 

der Siedlerverein Eichkamp e.V. ist eine seit Anfang der 20er Jahre bestehende Interessenvertretung der Bewohner der Siedlung Eichkamp, die sich zum Ziel gesetzt hat, das friedliche und freundschaftliche Zusammenleben in der Siedlung zu fördern und die Lebensbedingungen zu optimieren.

 

In diesem Zusamemnhang wende ich mich heute an Sie mit der Bitte um Unterstützung in einer Angelegenheit, die sich zwar in letzter Zeit massiv als Problem für die Siedlung Eichkamp entwickelt hat, aber keineswegs nur für uns, sondern auch für andere Stadrandsiedlungen und auch für die öffentliche Hand, denn die vielen, in die Stadt drängenden Wildschweine richten laufend auch massive Schäden in öffentlichen Grünflächen an, wie mir gerade vor ein paar Tagen erst wieder im NGA Charlottenburg-Wilmersdorf mitgeteilt wurde. Und ein Blick in die Wälder Berlins zeigt, daß auch dort große Schäden angerichtet werden.

 

Sicher tragen die (wenigen) Unvernünftigen, die noch immer meinen, mit der Fütterung der völlig domestizierten Wildschweine ihre Tierliebe beweisen zu können, mit dazu bei, daß sich die Tiere in die Siedlungen ziehen, in erste Linie aber liegt die Ursache in dem viel zu hohen Besatz.

 

Dieser viel zu hohe Besatz, der nicht nur in Berlin, hier aber besonders krass, festzustellen ist, ist die Folge einer viel zu geringen Bejagung, die von der Jägerschaft ganz offensichtlich bewußt gewollt ist. Denn wie ich jetzt bei der obersten Jagdbehörde erfahren habe, werden die von der Behörde festgelegten Abschußzahlen regelmäßig unterschritten. Die dafür von den Förstern und Jägern vorgebrachten Argumente sind – wenn ich die Jagdbehörde richtig verstanden habe – zwar nicht unbedingt nachvollziehbar, aber leider nicht wirklich widerlegbar, so daß die Eingreifmöglichkeiten gering seien. Immerhin erhielt eine Eichkamperin beim Forstamt Grunewald kürzlich zur Antwort, man habe jetzt schon genug Wildschweine erlegt, jetzt werde nicht mehr geschossen. Angesichts der immensen Schäden kann diese Auskunft  nur verwundern bzw. nährt sie den Verdacht, daß an  den Vorwürfen des Ökologischen Jagdverbandes gegenüber dem Deutschen Jagdverband, dieser habe kein Interesse an einer drastischen (ökologisch sinnvollen) Reduzierung des Wildbestandes, weil diese dann nach ein paar Jahren der großen „Strecke“ dazu führen würde, daß die Jagd dann wieder mit Mühe und langem Ansitzen verbunden wäre, wohl doch einiges ist. Das regelmäßige Unterschreiten der vorgegebenen Abschußzahlen muß auch so gedeutet werden. Interessanterweise wurde mir diese Position der großen Masse der Jäger kürzlich von einem Jäger bestätigt, dem ich zufälligerweise beim Neujahrsempfang der Deutschen Gartenbaugesellschaft gegenüber saß.

 

Die Aussage in einem Schreiben des Forstamtes Grunewald an den Siedlerverein Eichkamp e.V. als Antwort auf einen Brief an das Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf, die Ausein-andersetzung zwischen den beiden Jagdverbänden spiele im Bereich dieses Forstamtes keine Rolle, bekommt angesichts der Weigerung zur weiteren Bejagung und angesichts der „Begründungen“ für das Unterscheiten der Abschußverpflichtungen einen neuen Aspekt.

 

Da offensichtlich die Förster und Jäger nicht willens sind, für eine rigorose Reduzierung zu sorgen und damit sowohl private als auch öffentliche Grünanlagen einschließlich des Waldes vor Zerstörungen zu schützen, scheint mir der einzige Ausweg aus der Wildschweinplage deshalb massiver Druck von „ganz oben“zu sein mit strengen Auflagen zur Einhaltung der Abschußziffern und deutlichen Konsequenzen für den Fall der Unterschreitung bis hin zum Entzug der Jagdberechtigung und bis zu Schadenersatzforderungen gegenüber den Jägern bzw. disziplinarischen Maßnahmen gegenüber den Forstbeamten.

 

Verbunden werden müßte das allerdings auch mit der Ermittlung der tatsächlichen Wildzahlen von neutraler, d.h. nicht jagdinteressierter Seite, denn verschiedene Erfahrungen weisen darauf hin, daß die Zahlen bewußt nicht korrekt genannt werden, weil andernfalls sehr schnell die Forderung nach massiver Reduzierung des Bestandes aufkommen würde mit den o.g. „Folgen“ für die Jägerschaft.

 

Nicht unerwähnt bleiben sollte, daß die Wildschweine nicht nur materielle Verluste verursachen, sondern daß sie bei aller Domestizierung auch eine Gefahr für die Bürger darstellen können und letztlich unberechenbar sind.

 

Wir erwarten also dringend Maßnahmen von Seiten des Senates zur Verhinderung oder zumindest deutlichen Einschränkung der nicht nur in unserer Siedlung entstehenden Schäden, wo die Wildschweine im Moment Nacht für Nacht (und auch tagsüber) die Gärten heimsuchen und erheblich zerstören und durch ihre Anwesenheit eben auch tagsüber die Gartennutzungen unmöglich machen. Sollten wir keine Reaktionen erhalten oder nur hinhaltende Äußerungen hören, könnten wir zur Selbsthilfe greifen, z. B. indem wir abends an den Siedlungsrändern sehr laute Lärmkulissen aufbauen, wobei wir dann auch keine Rücksicht auf Lärmschutzverordnungen nehmen könnten. Außerdem prüfen wir, ob bzw. gegen wen es juristische Schritte zur Erlangung von Schadensersatzansprüchen geben könnte, weil die Wildschweinplage keineswegs „gottgegeben“ ist.

Ich verbleibe in Erwartung Ihrer Nachricht über die von Ihnen eingeleiteten Schritte und

 mit freundlichen Grüßen

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